Kalle Kunkel als Aktivist vor der Aktionärsversmmlung des RWE in der GRUGA-Halle
Pseudo-Krupp – die kranken Kinder von Essen-Borbeck
Die Arbeit der Elterninitiative Pseudokrupp begann im Oktober 1982
und wird hier chronologisch nach Jahren verfolgt bis in die 90er Jahre.
Diese Seite wird noch bearbeitet und ist auf einem vorläufigen Stand
1980 bis 1982


Erste Meldung zu Pseudokrupp. Borbecker Nachrichten April 1981.

Die Stadtverwaltung Essen blockt ab.

Unser Brief an Dr. Mersmann 1982 mit Vorschlag zur Gründung einer Eltern-Initiative.
Was ist Pseudokrupp? Audio-Interview mit Dr. Mersmann 1993 von Ludger Fittkau
Der Kamf um die Anerkennung als Umweltkrankheit
Bereits 1980 machte der Essener Kinderarzt Bertold Mersmann frappierende Beobachtungen. Immer Freitags traten gehäuft Pseudo-Krupp Fälle von Babies und Kleinkindern in seiner Praxis auf. Pseudo-Krupp ist ein lebensbedrohlicher Erstickungshusten. Das machte ihn mißtrauisch, weil in Essen Borbeck seit langem bekannt war, dass Vegetationsschäden bevorzugt an Wochenenden in den umliegenden Kleingärten der seit 1969 angesiedelten Alu-Hütte auftraten. Diese Hütte lag zusammen mit vielen anderen schadstoff-trächtigen Werken in der Emscherniederung. Das Städte-Dreieck Essen, Gelsenkirchen und Bottrop trug das Erbe einer enormen Vorbelastung durch die Schwerindustrie von Bergbau, Kokereien, Stahlwerken und Chemiestandorten.
Er meldete seine Beobachtungen dem Essener Gesundheitsamt und fragte nach Schadstoffmessungen bereits installierter Luftmess-Stationen. Er bekam nur ausweichende Antworten und falsche Messdaten, die nichts aussagten. Im Sommer 1981 dann sprach er in einem Kindergarten vor besorgten Eltern, deren Kinder er behandelte. Dort waren auch die Kinder von Lothar Lachner, der später mit anderen die Elterninitiative Pseudokrupp gründete.
Dr. Mersmanns früher einsamer Kampf
1982 waren wir mit unserem Sohn Kalle wegen Pseudokrupp mehrfach bei Dr. Mersmann in der Praxis. Er war bereits in der Öffentlichkeit wegen Panikmache diffamiert worden. Wir bemerkten, dass ihm das persönlich sehr zusetzte. Er schien uns sogar regelrecht depressiv zu wirken. Schließlich sagte er im September 1982 zu uns:
Ich mache das ja schließlich nicht für mich
Das machte uns sehr betroffen. Als wir wieder zuhause waren setzten wir einen Brief auf, mit dem wir Dr. Mersmann ermutigen wollten und ihm unsere Unterstützung zusicherten. Wir schrieben sinngemäß:
„Lieber Dr. Mersmann,
Wir halten ihr Eintreten für die Gesundheit unserer Kinder für ein mutiges Engagement, bei dem Sie teilweise […] Pressionen bis hin zur Diffamierung hinnehmen mussten, für vorbildlich. Als Rufer in der Wüste für unbequeme Fragestellungen, die sich auch gegen industrielle Interessen richten, werden Sie auch kaum Unterstützung von den Parteien erwarten können. Deshalb, und weil wir selbst nicht abseits stehen wollen, möchten wir anregen, daß die betroffenen Eltern eine Initiative gründen. Wir sind z.B. bereit bei der kommenden Veranstaltung im Schloß Borbeck am 6.Oktober einen solchen Kreis mit zu gründen und auch aktiv vorzubereiten. Wir stellen unsere Anschrift als Kontakt-Adresse zur Verfügung, ebenso Zeit und Geld in dem uns möglichen Umfang .“
(Siehe Faksimile des kompletten Briefes)
Genau so kam es dann auch. Und ab Ende des Jahres 1982 hat sich unser Familienleben drastisch verändert. Aber zuvor gab es noch einige Entwicklungen, die dem Paukenschlag im Oktober die nötige Dynamik verleihen sollte.


Was ist Pseudokrupp? So erlebten es die Eltern …
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VIDEO mit Einführung von Christa Kunkel, Pseudokrupp-Geräusch und Schilderung von Herrn Michels aus Bottrop zum ersten Anfall seiner Tochter. Länge 4 min 30
Anfang April 1981, Kalle war drei Monate alt, erschreckten mich unbekannte Geräusche aus dem Kinderzimmer. Eine Art Bellen, das ich zuerst gar nicht meinem Kind zuordnete, dann ein pfeifendes Rasseln, das deutlich durch die geschlossene Tür drang. Ich hörte mir das völlig unbedarft dreimal an und stürmte dann in panischer Angst zu dem Kind. Ich wußte nicht, was es sein könnte, aber in mir wuchs die Angst, das Baby stirbt mir in meinen Armen weg.
Es war Samstag nacht, ungefähr 23 Uhr. Der Notarzt forderte mich auf, sofort mit dem Kind in die Praxis zu kommen, nachdem er das Atemgeräusch am Telefon gehört hatte. Ich sollte auf keinen Fall Zeit verlieren, es könnte Lebensgefahr bestehen.
Das war Kalles erster Pseudokrupp-Anfall.
Quelle: Buch von ROBIN WOOD „und vor uns sterben die Wälder“, 1984
Unser zweiter Sohn hatte mit 6 Wochen seinen ersten Pseudokrupp-Anfall. Wir sind in einer Sonntag-Nacht, so irgendwann zwischen 1 und 2 Uhr ins Essener Klinikum gerast und hatten dabei Angst, dass er den nächsten Hustenanfall nicht überleben würde, weil wir befürchteten, er würde ersticken
(Quelle: Erstes Flugblatt der Eltern-Initiative Pseudokrupp) 198




Bereits im Juni 1981: Demonstration durch Borbeck für Erhalt des Grünzuges Panzerbauwald (B.N. 19.6.1981)
Andere Ärzte und Umweltgruppen werden 1982 aktiv
Noch vor der Rats-Ausschuss-Sitzung im Oktober 1982 ging es bei der Umweltdebatte in Essen Borbeck Schlag auf Schlag. Folgt man den Berichten in den „Borbecker Nachrichten“ ergibt sich folgendes Bild:
Januar
Im Januar wurde beinahe die SMOG-Stufe-1 erreicht. Die SPD in Borbeck (Wolfgang Sykorra) sorgt sich um mögliche kleinräumige Extrembelastungen in ihrem Stadtteil und stellt eine entsprechende Auskunftsanfrage an den NRW-Umweltminister Farthmann. SMOG-Situationen werden erst gemeldet, wenn bereits großflächig Belastungen bestehen. Kleinräumige Hotspots, die hunderttausende Menschen betreffen können, fallen dabei durch das Raster.
Februar
Ein geharnischter Artikel von Walter Wimmer, dem Herausgeber der Borbecker Nachrichten, mit der Überschrift: „Über eiskalte Nichtbeachtung oder akademischen Hochmut“. Er bezieht sich auf die Planungen zum erhaltenswerten Grüngürtel „Panzerbauwald.“ Bereits ein Jahr zuvor gab es eine Demonstration durch Borbeck für den Erhalt dieses Biotops.
März
Es meldet sich Dr. Pomp von der „Essener Aktion gegen Umweltzerstörung“ und pflichtet dem Kommentar von Walter Wimmer bei und warnt davor, den „Willen der Bevölkerung als eine zu vernachlässigende Größe zu betrachten.“
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1982, April: Dr. Mersmann wehrt sich gegen Unterstellungen der Stadt und es erscheint ein Leserbrief zu einem schweren Fall von Pseudokrupp.

Borbecker Ärzte warnen im April 1982 vor Luftverschmutzung.
April
Borbecker Ärzte äussern sich besorgt über Luftschadstoffe anlässlich der Diskussion um den Grüngürtel Panzerbauwald. Dies geschah im Rahmen einer Veranstaltung der Borbecker CDU.
April
Dr. Mersmann wehrt sich in einer Stellungnahme gegen Unterstellungen und unwahre Behauptungen des Dezernenten Gabriel bezüglich seiner Pseudokrupp-Beobachtungen, die Gabriel als „unbewiesen“ darstellt. Mersman zitiert die Borbecker Ärzte Pomp, Schmeck und Roßkothen, die ihn unterstützen und die ebenfalls auf Luftschadsstoffe hinweisen. Gleichzeitig erscheint der Leserbrief eines betroffenen Vaters über die Behandlung des schweren Pseudokrupp-Falls seines Sohnes im Essener Klinikum.
Mai
Die „Vereinigte Bürgerinitiative Borbeck“ (VBB), die sich schon lange um den Panzerbauwald kümmert, lädt zu einer Bürgerversammlung ein. Eine riesige Anzeige erscheint dazu in den Borbecker Nachrichten mit dutzenden Unterstützer-Unterschriften, unter anderem von den bisher erwähnten Borbecker Ärzten. Siehe Aufruf und Statement der Vereinigten Bürger-Initiative Borbeck im Doku-Kasten. Die Borbecker Nachrichten berichten darüber unter dem Titel: „Bürger lassen nicht mehr alles mit sich machen“. Bereits ein Jahr zuvor gab es einen Demonstrationszug für dieses Anliegen durch Borbeck (Foto + Bericht)

Juni
Es findet eine Hauptausschuss-Sitzung im Rat der Stadt Essen statt. Über Dr. Mersmann und Pseudokrupp wird verhandelt, aber der Kinderarzt war garnicht eingeladen worden. Nur die mittlerweile bekannten Gegner durften über ihn herziehen, ohne dass er sich verteidigen konnte. Walter Wimmer, der Herausgeber der Borbecker Nachrichten, nimmt dazu engagiert Stellung: „Schauprozess – In Abwesenheit diffamiert“.


Ein Artikel im SPIEGEL im August 1982 erregt bundesweite Aufmerksamkeit.
August
Ein Artikel im SPIEGEL im August 1982 erregt bundesweite Aufmerksamkeit. Den betroffenen Eltern in Borbeck wird mehr und mehr klar in welcher belasteten Umgebung sie wohnen:
„Aus dem Kinderzimmer des zehn Monate alten Babys drangen ungewöhnliche Laute, ein ,Bellen und Heulen‘, wie es die Familie ,zuvor noch nie gehört hatte‘. Die Mutter: ,Der Patrick wälzte sich und wurde ganz blau im Gesicht. Wir dachten, der erstickt uns.‘
[…] In Borbeck quält die Reizluft besonders die Kleinkinder. Schon haben sich Elterninitiativen gegen Pseudokrupp gebildet, laden Kindergärten zu Inofrmationsabenden über die ‚Borbecker Krankheit‘ ein. Mersmann und seine Kollegen fordern umassende Untersuchungen bei einem freiwilligen Personenkreis. […]
Die Gesundheitsbeamten im Essener Rathaus aber halten die von Mermann ausgemachten ‚Anzeichen einer bedrohlichen Umweltbelastung‘ für ‚Stimmungsmache.“

Prominente Ünterstützung für Dr. Mersmann vom Chef der Kinderklinik in Duisburg Prof. Haupt.
September
Der Chef der Kinderklinik Duisburg, Professor Haupt hält die Befürchtungen von Dr. Mersmann für plausibel und bestätigt seine Angaben. Er arbeitet zu diesem Zeitpunkt bereits an einer Langzeitstudie, die später den Zusammenhang zwischen Pseudokrupp und Luftbelastung eindeutig belegen wird. Die Studie wird im Mai 1984 veröffentlicht.
Presse-Berichte aus dem Jahr 1982
1982 eskaliert die Debatte um Luftverschmutzung und Aluhütte, Erhalt der Natur, und die berechtigten Sorgern der Borbecker Bürger









Borbecker 15.10.1982
Der Paukenschlag im Schloß Borbeck – Gründung der Eltern-Initiative
Als die öffentliche Ratssitzung dann im Oktober 1982 schließlich stattfand stellten wir fest, dass auch andere Eltern, die Familie Dickel, dieselbe Idee hatten und ebenfalls Unterschriften für die Gründung einer Initiative sammelten. Wir verständigten uns schnell auf ein gemeinsames Vorgehen und luden alle 80 interessierten Eltern zur Gründungsversammlung ein. Die fand statt am 20.10.1982 im Jugendheim der Dreifaltigkeitskirche in Essen-Borbeck. Das war die Gemeinde von Pfarrer Lachner, der von Anfang an in der Initiative mit dabei war. Eine informelle Elterngruppe bereitete das vor und traf sich mehrmals.
Es kamen schließlich knapp 50 Eltern zusammen. Wegen der hohen Zahl bildeten wir drei Arbeitsgruppen, die sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigten. Viele Eltern hatten Bedarf sich über die Krankheit Pseudokrupp selbst auszutauschen, andere machten sich an die Öffentlichkeitsarbeit oder klärten künftige organisatorische Fragen. Heraus kam dann folgende Presse-Erklärung:
- Wir sind besorgt über die überdurchschnittliche Luftverschmutzung in unserem Lebensraum und die Atemwegserkrankungen unserer Kinder, deshalb fordern wir:
- Schluss mit dem Kesseltreiben gegen Dr. Mersmann
- Automatische Mess-Stationen für Feinstaub und SO² in der Ostuferstraße und Gerscheider Weiden für Messungen rund um die Uhr und an Wochenenden.
- Offenlegung aller bisherigen und künftigen Messungen ohne Mittelwertbildung.
Herr Secunde aus Bottrop hatte die entscheidenden Messwerte mit den ständigen Grenzwertüberschreitungen auf der Sitzung im Schloß Borbeck vorgetragen, er kam auch zur Gründungsversammlung und machte uns damit fit. In den Wochen danach begann eine wilde Rödelei. Alles mögliche musste organisiert und abgesprochen werden. In der Woche nach dem Treffen fand bereits die erste Sitzung des Koordinationskreises statt. Dazwischen beinahe täglich Termine, telefonische Absprachen. Wer hat Kontakt zu welchen Kindergärten? Machen wir dort eine eigene Umfrage-Aktion zur Häufigkeit von Pseudokrupp? Wer schreibt welche Leserbriefe? Welche anderen Umwelt-Gruppen können uns unterstützen? Ein Flugblatt-Entwurf musste her.
Borbecker Nachrichten und Tages-Presse WAZ und NRZ zur Ratssitzung im Schloss Borbeck: Widerstand gegen Mersmann durch Negativ-Schlagzeilen






Was war noch?
1982
Sechs Jahre nach der SEVESO Katastrophe geht der Giftmüll auf Wanderschaft durch Europa.
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Während wir Sorge um unsere Kinder haben, erreichen uns Meldungen aus Italien




Die Aluhütte: Zunächst das größte Problem
Die Aluminiumhütte in Essen Borbeck hatte, seitdem sie den Betrieb Anfang der 70er Jahre aufnahm, ständig Probleme gemacht. Spätestens seit 1974 sind sogenannte „Fluor-Ausbrüche“ dokumentiert. Zu finden im Nachlass der „Dellwiger Interessengemeinschaft gegen Luftverschmutzung“ – kurz „IG-Luft“ genannt. Diese Geschichte wird detailliert im Thema… und vorher? erzählt.
Grüngürtel Panzerbau und Aluhütte als Vorspiel zu Pseudokrupp
Parallel hierzu setzten sich die Borbecker für den Erhalt des sogenannten „Panzerbau“ ein. Ein Grüngürtel, der sich auf den Ruinen einer ehemaligen unterirdischen Panzerfabrik der Firma Krupp entwickelt hatte. Das wirkte wie ein grüner Schutzwall gegen die Aluhütte zu den Wohngebieten und Kleingärten hin. Die Stadt wollte daraus ein Gewerbegebiet machen. Dieses Thema ausführlich hier: …und vorher?
Im Essener Stadtarchiv habe ich mich hauptsächlich mit dem Kampf der IG-Luft gegen die Fluor-Belastung durch die Aluhütte beschäftigt. Geschätzt sind das ca. 3000 Seiten in 13 umfangreichen Mappen. Der massivste Vorfall war 1977, als rund um die Hütte extreme Schäden in den Kleingärten auftraten.
Als dann 1982 die Pseudokrupp-Fälle so richtig ins öffentliche Bewußtsein drangen lag das gerade mal fünf Jahre zurück und es spielte eine enorme Rolle für die Sensibilität die dem Pseudokrupp-Thema zuteil wurde.
Bergbau-Assessor Secunde aus Bottrop klärt uns auf

Karl-Heinz Secunde aus Bottrop war Markscheider (Vermessungs-Techniker) im Bergbau und hatte sich in den Jahren zuvor bereits mit Luftschadstoffen beschäftigt. Insbesondere die Messtechnik der LIS (Landesanstalt für Immissionschutz) und die Auswertung und Darstellung der Ergebisse in der Öffentlichkeit waren sein Thema. Er hatte eine eigene Gruppe in Bottrop die sich AGU nannte, Arbeits-Gemeinschaft Umweltschutz und saß als Sachkundiger Bürger in einem Ratsausschuss in Bottrop. Nachdem er bereits im Oktober Dr. Mersmanns Ausführungen mit seinen Erkenntnissen fundiert unterstützt hatte, fand in Borbeck im Dezember 1982 eine weitere Veranstaltung mit ihm statt. Dr. Pomp, Schmeck und die Elterninitiative Pseudokrupp hatten dazu in das Schloss Borbeck eingeladen. Dort konnte Secunde noch einmal sehr ausführlich und detailliert einen genauen Überblick zur Vorbelastung der Region geben. Den anwesenden Eltern der Pseudokrupp-Initiative ging spätestens nach diesem Vortrag ein Licht auf, was sich in ihrer Umgebung eigentlich so alles abspielte.
Wie Secunde mir später (1993) erzählte waren ihm die Werte der Mess-Stationen, die die Stadt Essen zurückhielt, durchgestochen worden. Massive Grenzwertüberschreitungen in bestimmten Tagen und Monaten, die sich mit Mersmanns Beobachtungen deckten, traten glasklar zutage. Die großflächigen und nur punktuellen Messungen der LIS, die dann zu harmlosen Mittelwerten heruntergerechnet wurden, nahm er ins Visier und den Zuhörerern stockte gleichsam der Atem. Seine Daten fanden dann Eingang in unser erstes Flugblatt als Elterninitiative Pseudokrupp, das Anfang 1983 erschien.
Waldsterben war gestern, jetzt sind die Kinder krank
Der Stadt Essen und dem aggressiv gegen uns agierenden Dezernenten Karl Gabriel wäre es ein Leichtes gewesen, gegen diese Publikation zu klagen – wenn die Daten nicht gestimmt hätten. Das fand aber nicht statt. Dieses Flugblatt und die Messwerte wurde später in einem SPIEGEL-Buch komplett abgedruckt, genauso wie auch in dem Buch von ROBIN-WOOD „Und vor uns sterben die Wälder“. Zum ersten Mal wurde an diesem Punkt bundesweit klar, wie Luftschadstoffe eben nicht nur großflächig die Wälder schädigen, was die wesentlich Debatte davor gewesen war. Nein, die extreme Konzentration an Schadstoffen in Ballungsgebieten, wie dem unseren in der Emscherzone, hatte unmittelbare Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Und dabei auf die verletzlichsten, die kleinen Kinder.
Derart gewappnet starteten wir in das Jahr 1983.
1983


Die Eltern werden aktiv und organisieren sich

- Wir informieren uns, lernen alles über Luftgifte, lesen Bücher
- Fluglätter, Fragebögen und Leserbriefe
- Unterschriften-Sammlungen.
- Pressearbeit – Kontakte zu Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen

1984


Was war noch?
1984
Chemie-Katastrophe im indischen Bhopal mit mindestens 3000 Toten. Pestizide der US-Firma Union Carbide wurden explosionsartig freigesetzt.
Entschwefeln statt Schwafeln!
Grenzwerte müssen runter!
Gleich im Januar 1984 schreckt eine SPIEGEL Titelstory ganz Deutschland auf. Ein ausführlicher Bericht über Dr. Mersmann und die Essener Eltern-Initiative Pseudokrupp thematisiert die tödlichen Risiken der herrschenden Luftverschmutzung besonders in Ballungsgebieten. Danach erhielten wir massenhaft Zuschriften von besorgten Eltern.
Januar 1984 SPIEGEL Titelstory


Download SPIEGEL Nr.2/1984-Artikel

22. Februar 1984
Anhörung im Gesundheitssausschuß des Bundestages:
unter anderem
– Christa Kunkel aus Essen als betroffene Mutter
– Rechtsanwalt Klaus Kall vom BBU,
– Dr. Mersmann, Essen
– Professor Wasserman aus Kiel (Toxikologe) und
– Professor Haupt, Kinderklinik Duisburg
– Professor Schlipköter, Institut Umwelthygiene Uni Düsseldorf
Die Anhörung im Bundestag bestätigt aus Sicht der Elterinitiative die Befürchtungen. Einige konservative Fachleute wollten den Tatsachen jedoch nicht ins Auge sehen und behaupten alles sei noch unklar, nichts sei bewiesen usw. Der Essener OB und Bundestagsabgeordnete Peter Reuschenbach schloss sich einseitig diesen Statements an und diktiert der NRZ wörtlich: „Bis auf spärliche Vermutungen konnten in Bonn keine Gründe dafür genannt werden, dass Pseudo-Krupp ursächlich mit der Luftverschmutzung in Zusammenhang gebracht werden könnte.“
Als Essener Oberbürgermeister hatte Reuschenbach automatisch einen Sitz im RWE Aufsichtsrat. Als Druck auf die sozialdemokratischen Mandatsträger bezüglich der Atomdebatte aufkam, erklärte Reuschenbach wiederum wörtlich: „daß Sozialdemokraten keine Forderungen erheben, die den Unternehmen schaden“ (TAZ 20.2.1988). Dementsprechend blockte er alle Forderungen gegen das RWE ab. Auch als es darum ging die RWE-Kraftwerke als Hauptverursacher der Luftverschmutzung in NRW kenntlich zu machen. Entsprechende Bürgeranträge der Essener Elterninitiative wurden von ihm persönlich zurückgewiesen.
Das Protokoll der gesamten Bonner Anhörung liegt mir vor.
Presse-Echo zur Anhörung im Bundestag




– Frankf. Rundschau 22.2.1984
Duisburger Studie schafft endgültig Klarheit
Professor Haupt stellt 3 Monate später im Mai seine umfassende Studie zu den gehäuften Fällen von Pseudokrupp in Ballungsgebieten vor. Selbst NRW-Minister Farthmann kommt an diesen Erkenntnisse dann nicht mehr vorbei und will die Studie in die Konferenz der Gesundheitsminister einbringen.


Die Initiative arbeitet konsequent weiter
- Fluglätter, Fragebögen und Leserbriefe
- Demonstrationen
- Unterschriften-Sammlungen, Eingaben bei der Stadt.
- Auftritt bei den RWE Aktionärsversammlungen
- Pressearbeit – Kontakte zu Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen
- Höhepunkt des Jahres 1984 war dann im Juni:
Eltern-Initiativen aus 50 Städten vernetzen sich beim Bundestreffen in der Essener Volkhochschule
Bundestreffen der Elterninitiativen in der Essener Volkshochschule am 2. Juni 1984. 250 Teilnehmer aus 50 Initiativen beschließen den Essener Appell, damit endlich etwas gegen Luftschadstoffe unternommen wird.
Essener Appell der Pseudokrupp-Initiativen
Zum Schluss heisst es: Die Zusammenhänge sind belegt, die technischen Mittel vorhanden. Verantwortliche in Politik und Industrie, die wirksame Massnahmen noch weiter verzögern oder Verzögerungen hinnehmen, nehmen damit schuldhaft die Schädigung der Gesundheit unserer Kinder in Kauf.


Presse-Echo nach dem Bundestreffen





Initiativen aus 50 Städten (alte BRD) beteiligten sich am Bundestreffen in der Essener Volkshochschule im Juni 1984 (Schematische Darstellung)

Ende 1984 hatten wir Kontakt zu 216 Initiativen bundesweit
1985

Die Eltern vor der GRUGA-Halle:
Gegen RWE-Luftgifte
- Auftritt bei den RWE Aktionärsversammlungen
- Wir informieren uns, lernen alles über Luftgifte, lesen Bücher
- Fluglätter, Fragebögen und Leserbriefe
- Unterschriften-Sammlungen, Eingaben bei der Stadt.
- Pressearbeit – Kontakte zu Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen

Teilnahme am Tribunal „RWE angeklagt!“
in der Essener Zeche Carl 1985




Dicke Luft – Gefahr für unsere Kinder. Entschwefeln statt schwafeln.
Download 4-seitiger Flyer der Initiative von 1985
Ansicht als PDF
1986


Was war noch?
1986
Durch ein Großfeuer bei SANDOZ in Basel gelangen 30 Tonnen hochtoxische Pestizide in den Rhein und vernichten auf 400 km Länge alles leben. Parole an der B 224 im Essener Norden 1986 zur SANDOZ Rhein-Verseuchung
Pseudokrupp Initiative nun auch aktiv gegen Giftmüllverbrennung in Essen
Ab 1986 wurde die Elterninitiative Pseudokrupp auch aktiv in der Bewegung gegen das NRW-weite Müllkonzept das im wesentlichen auf gefährliche neue Verbrennungsanlagen setzte. Entlang der Emscherschiene sollte ein dutzend dieser Anlagen neu gebaut werden.
Die reinigende Kraft des Feuers sollte die angesammelten Giftmüllberge beseitigen. Im Flugblatt der Bürger gegen Giftmüllverbrennung hiess es dazu: „Die billigste Lösung für die Industrie würde die Menschen teuer zu stehen kommen“.
Die Themenseite dazu hier

Dr. Mersmann erhält im März 1986 das Bundesverdienstkreuz


1987

Immer wieder Veranstaltungen
Im gesamten Essener Norden machten wir immer wieder Öffentlichkeitsarbeit mit solchen Veranstaltungen. Unter anderem in:

- Kindergärten
- Gemeindehäusern der Kirchen
- Zeche Carl
- Schloss Borbeck
- Dampfbierbrauerei Borbeck
- Gemeinwesenzentrum Emscher in Altenessen

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